
Kiel-Holtenau – Flugplatz mit Erinnerungskultur und Zukunftsperspektive
Ein Beitrag von Ute Hölscher
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„… jenen großen Augenblick näher bringt, wo der erste frei fliegende Mensch … jenen geschichtlichen Zeitpunkt herbei führt, den wir bezeichnen müssen als den Anfang einer neuen Kulturepoche.“
Otto Lilienthal ist einer der Namensgeber der Straßen Holtenaus. Ohne die Entwicklung des Fliegens wäre globaler Handel nicht möglich und könnten wir heute nicht, wie gern wahrgenommen, nach Afrika, Amerika, Asien oder innerhalb Europas reisen. Wer sich mit der Historie des Flugplatzes Kiel-Holtenau beschäftigt, ist erstaunt, wie lange dieser schon existiert und welche Entwicklungen an diesem Standort stattgefunden haben – so wie das Fliegen überhaupt, welches nach Lilienthal zur Bildung und Kulturtechnik unserer Gesellschaft gehört.
Kiel-Holtenau gehört zu den traditionsreichsten Luftfahrtstandorten Norddeutschlands. Der Stadtteil entwickelte sich im 20. Jahrhundert stark rund um Marine, Kanal und Flugplatz und das prägte Arbeitsplätze, Infrastruktur und die soziale Struktur des Viertels. Viele Straßennamen verweisen bis heute deutlich auf die Luftfahrtgeschichte des Stadtteils und damit auf die enge Verbindung zwischen dem Flugplatz und der Entwicklung der Umgebung.
Die Flugpioniere, die den Stadtteil prägen
Die Straßennamen spiegeln die historische Prägung wider und erinnern an bedeutende Persönlichkeiten der Luftfahrtgeschichte – von Zeppelin-Schiffen über Atlantik-Überquerungen bis zu den frühen Segelflug-Bewegungen.
| Straße / Platz | Person | Bedeutung |
|---|---|---|
| Bräutigamweg | Otto Bräutigam1912–1941 | Segel- und Kunstflieger der 1930er Jahre |
| Dittmarweg | Hermann Dittmar1912–1945 | Deutscher Segelflugpilot und Testpilot (DFS-Raketenflugzeug Me 163) |
| Eckenerplatz / Eckenerweg | Hugo Eckener1868–1954 | Kommandant von Zeppelinen, besonders LZ 127 „Graf Zeppelin“, Pionier der zivilen Luftschifffahrt |
| Groenhoffweg | Günther Groenhoff1908–1932 | Bedeutender deutscher Segelflug-Rekordpilot der 1930er Jahre |
| Hirthstraße | Kurt Erhard Wolfram Hirth1900–1959 | Segelflugpionier und Konstrukteur moderner Segelflugzeuge |
| Hünefeldstraße | Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld1892–1929 | Initiator des ersten Ost-West-Atlantikflugs mit Hermann Köhl und James Fitzmaurice |
| Immelmannstraße | Max Immelmann1890–1916 | Jagdflieger-Ass im Ersten Weltkrieg, bekannt für die „Immelmann-Wende“ |
| Köhlstraße | Hermann Köhl1888–1938 | Pilot des ersten Ost-West-Atlantikflugs 1928 |
| Lilienthalstraße | Otto Lilienthal1848–1896 | Deutscher Ingenieur und Flugpionier, Begründer des Gleitflugs und Forscher der Luftfahrt im 19. Jahrhundert |
| Nehringweg | Johannes Nehring1902–1930 | Früher deutscher Segelflugpionier |
| Richthofenstraße | Manfred von Richthofen1892–1918 | „Roter Baron“, berühmtester deutscher Jagdflieger des Ersten Weltkriegs |
| Ursinusweg | Oskar Ursinus1877–1952 | Initiator der Segelflugbewegung auf der Wasserkuppe |
Straßennamen erfüllen mehrere gesellschaftliche Funktionen. Zum einen dienen sie der Orientierung im städtischen Raum. Gleichzeitig besitzen sie jedoch auch eine symbolische Bedeutung: Durch die Benennung nach historischen Persönlichkeiten oder Ereignissen werden bestimmte Aspekte der Geschichte hervorgehoben und im öffentlichen Raum präsent gehalten.
Vom Marineflugplatz zum Verkehrslandeplatz
Der Flugplatz Kiel-Holtenau entstand in den Jahren kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die Anfänge der Fliegerei in Kiel gehen auf 1908 zurück; erste Flugversuche und kleinere Flugplätze entstanden in der Region, verbunden mit militärischem und zivilem Interesse an Luftfahrt. 1911 gründeten die Brüder Bruno und Franz Steffen die erste Flugschule in Schleswig-Holstein, allerdings auf dem ersten Flugfeld Kiels, dem Nordmarksportfeld. Dort gründeten sie die Flug-Verkehrs-Gesellschaft Kronshagen mbH als Betreiber des Flugfeldes – das erste gewerbliche Luftfahrtunternehmen im Kieler Raum.
Das Gelände des Flugplatzes Kiel-Holtenau befand sich in unmittelbarer Nähe zum Nord-Ostsee-Kanal, teilweise auf Flächen errichtet, die beim Bau des Kanals aufgeschüttet worden waren. Es wurde früh von den Marinefliegern genutzt, da die Nähe zur Ostsee und zu wichtigen Marineeinrichtungen strategische Vorteile bot. Insbesondere während des Ersten Weltkriegs wurden von hier aus Aufklärungs- und Küstenschutzflüge durchgeführt. Der Flugplatz spielte damit eine wichtige Rolle innerhalb der militärischen Infrastruktur der Kaiserlichen Marine.

Zwischen den 1920er- und 1930er-Jahren führte Hugo Eckener als Kommandant von Zeppelinen zahlreiche Weltreisen und Postflüge durch und machte Holtenau als Luftfahrtstandort sowie die Region Schleswig-Holstein im Luftfahrtgedächtnis bekannt. Ebenso entwickelte sich in dieser Zeit der Segelflug als populärer Sport und Technikfeld in Deutschland. Im Jahr 1927 wurde eine Flughafengesellschaft gegründet, die den Ausbau zu einem Verkehrsflughafen vorantrieb; in den folgenden Jahren entstanden regelmäßige Flugverbindungen zu verschiedenen deutschen Städten.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Flugplatz erneut stärker militarisiert und diente verschiedenen Einheiten der Luftwaffe. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten ihn zunächst die Alliierten, später übernahm die Bundeswehr. Seit 1958 war er vor allem Stützpunkt des Marinefliegergeschwaders (MFG) 5 der Bundesmarine. Von hier aus wurden Seenotrettungseinsätze (SAR) geflogen, unter anderem mit den in den 1970er-Jahren dort stationierten Sea-King-Hubschraubern. Der Flugbetrieb war militärisch geprägt, einschließlich Wartung von Marinehubschraubern, Schulung und Sicherheitsoperationen.
Der zivile Motor- und Segelflugbetrieb wurde ab den frühen 1950er-Jahren wieder aufgenommen. Die militärische Nutzung bestand damit parallel zur zivilen Nutzung, bis das Geschwader MFG 5 im Jahr 2012 abgezogen wurde und der militärische Flugbetrieb endete.
Verstärkt ab den 1970er-Jahren bis Anfang der 2000er gab es reguläre Linienflüge vom Flugplatz Kiel-Holtenau nach Berlin, Frankfurt, Köln/Bonn und München, zu skandinavischen Zielen wie Kopenhagen, später auch nach Kaliningrad und Riga. Viele Linien wurden Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre eingestellt, die letzte im Jahr 2006.

Mehr als eine Start- und Landebahn
Nach dem Ende des Linienbetriebs hat sich der Flughafen in einen Verkehrslandeplatz verwandelt – mit einem breiten Spektrum an Aktivitäten.
Allgemeine Luftfahrt
Geschäftsflüge mit kleinen Flugzeugen, Privatflüge und sportliche Nutzung.
Helikopterdienste & Spezialflüge
Hubschrauber-Dienste für verschiedene Aufgaben, u. a. Luftrettung und Charter.
Charter und Sonderflüge
Kleinere Chartergesellschaften nutzen den Platz für individuelle Flüge, z. B. für Sport-Teams.
Flugzeugwerft & Technik
Wartungs- und Reparaturbetriebe für Flugzeuge und luftfahrttechnische Dienstleistungen.
Luftfahrt-Dienstleistungen
Anbieter von Luftfahrttrainings und spezialisierten Flugdiensten wie Zieldarstellungs- und Spezialflugdienste, etwa für militärische Trainings, Flugzieldarstellungen, Simulation und Verteidigungsübungen.
Die Nähe zu Marinestützpunkten, militärischen Trainingsräumen und zur Nord- und Ostsee macht Kiel-Holtenau attraktiv für vielfältige Luftfahrt-Aktionen und Dienstleistungen. Die ansässigen Unternehmen nutzen Start- und Landebahn, Abstellplätze und Hangars für Charterbetrieb, General Aviation, Ausbildung oder technische Dienstleistungen. Damit ist der Flugplatz ein wirtschaftlich aktives Zentrum in der Region, das über die reine Flugplatzinfrastruktur hinaus Firmen, Arbeitsplätze und Spezialdienstleistungen ansiedelt – und als Basis für nationale und internationale Einsätze dient.
Die vergessenen Flugpionierinnen
Es fällt auf, dass sich die Fliegerstraßennamen in Holtenau ausschließlich auf männliche Pioniere beziehen. Historisch wurden in den 1950er- bis 1970er-Jahren in Deutschland Straßen überwiegend nach Männern benannt. Weibliche Persönlichkeiten waren fast nur in Bildung, Literatur oder lokalen sozialen Bereichen vertreten, nicht in militärisch-technischen Berufen. Erst ab den 1990er-Jahren begann man, gezielt Straßen nach Frauen zu benennen, oft mit sozialem oder kulturellem Bezug.
Es handelt sich also weniger um eine bewusste Benachteiligung als um ein Spiegelbild der damaligen Luftfahrt-Realität und der zeitgenössischen Rollenzuschreibungen. Eine moderne Umbenennung oder ergänzende Ehrungen von Pionierinnen der Luftfahrt gibt es bisher nicht in Holtenau – sie würden aber die historische Lücke sichtbar machen. Tatsächlich gab es zahlreiche Frauen, die bedeutende Beiträge zur Entwicklung der Segelflug-, Testflug- und Langstreckenfliegerei geleistet haben.
| Person | Bedeutung |
|---|---|
| Wilhelmine Reichard1788–1848 | Erste deutsche Frau, die alleine im Ballon flog (1811) |
| Melli Beese1886–1925 | Erste deutsche Pilotin mit offizieller Lizenz (1911) und Flugschulgründerin |
| Thea Rasche1899–1971 | Erste deutsche Kunstflug-Pilotin und Aerobatic-Pionierin |
| Hedwig Thümler1899–1964 | Leiterin von Luftsportvereinen, besonders für junge Frauen, organisierte Luftsport-Aktivitäten in Norddeutschland |
| Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg1903–1945 | Zweite Frau mit dem Ehrentitel „Flugkapitänin“ in Deutschland, testete viele militärische Flugzeuge |
| Liesel Bach1905–1992 | Kunstflug-Pionierin und bekannte Wettbewerbs-Pilotin |
| Marga von Etzdorf1907–1933 | Frühe deutsche (Lufthansa-)Pilotin, weitreichende Alleinflüge u. a. Europa–Japan |
| Elly Beinhorn1907–2007 | Langstreckenpilotin, u. a. Afrika- und Australienflüge, Symbol für selbstständige und abenteuerlustige Pilotinnen, weit über die Grenzen Deutschlands bekannt |
| Ruth Bang1909–1994 | Deutsche Fallschirmspringerin und Luftsportlerin, bekannt für frühe Wettbewerbe |
| Luise Hoffmann1910–1935 | Erste Testpilotin in Deutschland und möglicherweise eine der ersten in Europa |
| Hanna Reitsch1912–1979 | Weltbekannte Test- und Experimentalpilotin, erste Frau für Hubschrauber- und Jetflüge mit Rekordflügen |
| Beate Uhse-Rotermund1919–2001 | Stunt-Pilotin der 1930er Jahre und spätere Unternehmerin, flog auch bei der Luftwaffe Überführungsflüge |
Diese Frauen zeigen, wie vielfältig weibliche Leistungen in der Luftfahrtgeschichte Deutschlands sind – vom Ballon und Segelflug über Kunstflug und Aerobatics bis zur Test- und Forschungsfliegerei. Viele von ihnen setzten technische Maßstäbe, weiteten Grenzen aus, gründeten Flugschulen oder erreichten internationale Aufmerksamkeit – trotz großer gesellschaftlicher Hürden.
Im Rahmen zukünftiger Stadtentwicklungsprojekte könnte eine stärkere Einbindung von Flugpionierinnen erfolgen: durch die Benennung neuer Straßen, Plätze oder öffentlicher Einrichtungen, darüber hinaus über Informationsangebote, etwa in Form von historischen Lehrpfaden rund um den Flugplatz Holtenau. Solche Projekte könnten die Geschichte der Luftfahrt verständlich vermitteln und gleichzeitig auf die Leistungen von Frauen aufmerksam machen.
Klein, aber wichtig für die Region
Trotz seiner vergleichsweise geringen Größe erfüllt der Flughafen weiterhin wichtige Funktionen für die Stadt Kiel und die umliegende Region. Besonders im Bereich der Geschäftsfliegerei ermöglicht er schnelle und flexible Verbindungen für Unternehmen und Institutionen. Darüber hinaus spielt er eine Rolle bei medizinischen Transporten, etwa bei Organtransporten zum Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. In solchen Fällen können schnelle Flugverbindungen entscheidend sein.
Auch Luftsportvereine und Flugschulen nutzen den Standort intensiv und tragen so zur Ausbildung von Pilotinnen und Piloten und zur Förderung des Luftsports bei. In aktuellen Diskussionen wird der Flugplatz zunehmend als möglicher Standort für innovative Luftfahrttechnologien betrachtet – etwa elektrische Flugzeuge oder neue Formen der urbanen Luftmobilität. Sollten sich solche Technologien weiterentwickeln, könnte Kiel-Holtenau künftig eine wichtige Rolle als Test- und Entwicklungsstandort für nachhaltige Luftfahrtkonzepte spielen.
Eine überraschende Umwelt-Oase
Der Flugplatz lässt sich – trotz seiner technischen Funktion – auch als überraschende „Umwelt-Oase“ für Tiere beschreiben, wenn man den Blick etwas weitet: Eingebettet zwischen der Kieler Förde, dem Nord-Ostsee-Kanal und vergleichsweise locker bebauten Flächen liegt das Gelände in einer besonderen Übergangszone zwischen Wasser, Wiesen und urbanem Raum. Diese Mischung schafft vielfältige Lebensräume: offene Grasflächen, Randbereiche mit Vegetation und die unmittelbare Nähe zu maritimen Ökosystemen.
Die weitläufigen, wenig versiegelten Flächen wirken aus ökologischer Sicht wie eine große Lichtung. Solche offenen Areale bieten Vögeln ideale Bedingungen: Bodenbrüter finden hier ungestörte Plätze, Greifvögel nutzen die freien Flächen zur Jagd, und Zugvögel können rasten. Hinzu kommt die direkte Nähe zum Wasser – die Kieler Förde und der Kanal ziehen zahlreiche Wasservögel wie Gänse, Möwen und Enten an, die zwischen Wasserflächen und den ruhigen Grünbereichen des Flugplatzes pendeln.
Seit der Rückgang militärischer Nutzung und der begrenzte Linienflugverkehr die Intensität des Betriebs reduziert haben, entstehen zeitweise ruhigere Phasen. Diese ermöglichen es Tieren, die Flächen stärker zu nutzen. So entsteht ein spannender Kontrast: Ein Ort, der eigentlich für Technik, Mobilität und Luftfahrt steht, wird gleichzeitig zu einem Rückzugsraum für Tiere – eine Art versteckte Oase, in der sich Natur und menschliche Infrastruktur auf ungewöhnliche Weise begegnen.

„Solange es fliegende Tiere gibt, solange wird auch der Wunsch, Fliegen zu können, im Menschen nicht verstummen. … Sie stellten sich vor, wie wunderbar es sein müsse, wenn auch der Mensch einer ähnlichen Freiheit der Bewegungen sich erfreuen könne.“
Aktionen am Flugplatz Kiel-Holtenau
So, 06.09.2026
10:00 – 17:00 Uhr
Tag der offenen Hangartore
So, 20.09.2026
10:00 – 17:00 Uhr
Fliegen ohne Limit – Mitflugtag für Menschen mit und ohne Behinderung
lsv-kiel.de – Mitflugtag ↗
Text: Ute Hölscher
Literatur: Zusammenstellung aus Internetangaben.
